Zweiter Blick: Aphorismensammlung
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Aphorismen zum Barrierefreien Webdesign und der Usability

Scherenschnitt Wolfgang Berndorfer

Wolfgang Berndorfer dixit

  1. Manche Webseiten mit barrierefreien Ambitionen wirken wie schwer nutzbare Küchen. In der Küchenplanung wurden zwar Küchenbaupläne studiert, aber die planenden Personen haben selbst noch nie gekocht und auch noch nie beim Kochen zugesehen.
  2. Wer kochen will, muss auch den Vorgang des Essens kennen.
  3. Unerfahrenheit für Barrierefreiheit erkennt man an schlechter Usability für alle.
  4. Vertraue bei der Prüfung eines Stuhls nicht auf jemanden, der sich schon einmal auf einen Stuhl gesetzt hat. Solche Versuchspersonen haben sich vielfach schon an ein schlechtes Design gewöhnt oder wissen gar nicht, dass es bequemere Stühle gibt.
  5. Ein Schiff wird an Land gebaut und muss im Wasser fahren. Das technische Design von Webseiten muss für die Seeleute auf dem Frachter Webseite hin gestaltet werden. Die Seeleute sind die redaktionell Verantwortlichen. Das Schiff ist der Webauftritt, der in den Stürmen von Browseranforderungen und Hardware bestehen muss. Responsive Web ist dabei ein wichtiger Stabilisator, aber nicht der einzige.
  6. Usability Engineering ist der berechtigte Versuch, mit pädagogischem Wissen einen Technikertarif zu erhalten.
  7. Wenn Du bemerkt hast, dass bei Martinigänsen manchmal die Flügel zu dunkel werden, hat es trotzdem keinen Sinn, die Gans mit einer kunstvoll geflochtenen Schnur über dem Herd aufzuhängen. Der Flügel wird dann zwar sicher nicht schwarz, aber die Gans auch sicher nicht gebraten.
  8. Wenn ich kostenlose Evaluationen mache, möchte ich freundlich sein, werde aber erfahrungsgemäß bald lästig.
  9. Checklisten agieren nach dem Prinzip eines Beichtspiegels: Sünde da? Ja / Nein. Mit einem Beichtspiegel allein macht man aus niemandem einen guten Menschen und mit Checklisten alleine keine gute und barrierefreie Webseite.
  10. Wer ohne Bug ist, starte den ersten Flashmob!
  11. Ein Webauftritt ist kein Roman, der vom Autor und der Lektorin vor der Veröffentlichung noch einmal vom Anfang bis zum Schluss durchgeprüft wird. Die einzelnen Seiten werden zu unterschiedlichen Zeiten, aber mit fortschreitendem technischem und redaktionellem Wissen erstellt und unterscheiden sich daher je nach Veröffentlichungszeitpunkt.
  12. Vermeide den Windows Kontrastmodus! Es verschwinden relevante Dinge, wenn sich Webprogrammierer nichts gedacht haben und es verschwinden relevante Dinge, wenn sich Webprogrammierer etwas überlegt haben. ( Siehe: Windows Kontrastmodus auf den Zweiten Blick)
  13. Das Wording der WCAG 2.0 ist teilweise höchst kryptografisch. Weil nicht nur vorhandene Technologien zum Zeitpunkt der Veröffentlichung erfasst werden sollten, sondern auch mögliche zukünftige, wurden Ausdrücke für bekannte Technologien vermieden, um mögliche künftige Technologien verbal nicht von vornherein auszuschließen. So wird etwa nicht von Gebärdenvideos oder Gebärdensprachvideos gesprochen, sondern von Gebärdensprachinterpretationen (Sign Language InterpretationSC 1.2.6).
  14. Junge Post–Graduate - Studentinnen werden sogar von ihren Professoren zu einer Erstberatung begleitet.
  15. Gute Umsetzungen fallen den Zielgruppen nicht auf. Schlechte Umsetzungen führen auf Grund des Gewohnheitseffekts aber zu Vermeidung, Ignoranz und Fehlurteilen. Weil man nicht merkt, was möglich ist, aber an Kummer gewöhnt wird, lernt man auch nicht, Seiten gut zu gebrauchen und sich über Mängel zu beklagen.
  16. Es gibt keine barrierefreien Webseiten. Es gibt Seiten auf einem guten Weg. Und es gibt offensichtliche Irrwege.
  17. Natürlich kann sich ein Architekt nebenbei Kenntnisse zur Baustatik aneignen. Ein Grundverständnis für Statik ist in der Planung sogar erforderlich und hilfreich. Trotzdem bleibt es zweckmäßig, Fachleute für Statik bei der Planung und Umsetzung einzubinden.
  18. CAPCHAS sind dazu da, Maschinen abzuwehren, und nicht Trolle. Es hat also keinen Zweck, CAPCHAS einzusetzen, um physischen Personen Störaktionen schwer zu machen.
  19. Updates dienen dazu, die Bugs der Vorgängerversion auszuglätten, beinhalten aber noch Bugs, die erst in Folgeversionen ausgeglättet werden.
  20. Verlassen Sie sich nicht auf ehrenamtliche FunktionärInnen von Selbstvertretungsorganisationen. Die sind oft nur bedingt sachkundig oder zuverlässig bei der Prozessumsetzung.
  21. Slider finden sich kaum auf Best Practise Auftritten. Für Seiten, die Slider trotzdem benötigen, finden sich entsprechend schwer Best Practise Beispiele.
  22. CSS-Anweisungen sollten so sparsam wie möglich eingesetzt werden. Die Darstellung der HTML-Elemente wird dadurch dem Browser überlassen und kommt der User Experience für das Erscheinungsbild entgegen.
  23. Systemabstürze gehören bei der Verwendung von Assistierenden Technologien zum Alltag. Aber woran liegt es? Ist es das Betriebssystem, die Anwendung, das Virenprogramm, die assistierende Technologie oder die gleichzeitige Verwendung mehrerer assistierender Technologien? Es dürfte wohl oft am diesem Softwarecocktail liegen. Wenn ich die Absturzursache rekonstruieren will, finde ich in der Regel keine Lösung, selbst wenn ich ein oder zwei Stunden experimentiere.
  24. Das Wording Landmark Role scheint mir nicht adäquat. Es handelt sich dabei überwiegend nicht um punktuelle Erscheinungen, sondern um flächige Bereiche mit mehreren Elementen.
  25. Komplexe Webtechnologien werden eingesetzt, weil sie von technischer Seite gerade oder zufällig beherrscht werden, ohne dass gleichzeitig Fragen der Barrierefreiheit oder Usability reflektiert wurden. Ein passender Witz dazu, der nicht lupenrein ist:
    Warum leckt sich der Hund die Eier?
    Weil er’s kann.
  26. Niemand mit Fachkenntnis bewirbt sich ehrlichen Herzens an einem Wettbewerb unter Webauftritten für das beste Barrierefreie Webdesign. Je mehr ein Auftritt ehrlichen Herzens reflektiert wird, desto mehr kennt man die eigenen Baustellen und die Leichen im Keller. Für die Publicity des Gewinners sind Wettbewerbe zweifellos hilfreich. Ich habe jedoch noch bei jedem Preisträger eines Awards binnen fünf Minuten drei Fehler gefunden.
  27. Redundanzen in der Bezeichnung von Seitenelementen lassen sich eher ertragen als Lücken in der Optimierung von Navigationsmechanismen.
  28. Semantisch korrekt kennzeichnen bedeutet: Überlege, was das Element ist und welche Möglichkeiten es gibt, technisch darzustellen was es ist. Aus einem Optionselement kann dann schon einmal ein Kontrollkästchen werden, wenn es ohnedies nur eine Option gibt. Und wenn ohnedies klar ist, dass ich mit einem Formular etwas bestellen will, kann aus einer Checkbox mit vielen Informationen eine schlichte Produktinformation werden.
  29. Die Selbstdarstellungswünsche der Presseabteilung sollten in der Wertigkeit im Navigationsbereich nicht den Bedürfnissen bei der Benützung übergeordnet werden.
  30. Ein Stempel für Barrierefreies Webdesign wird leider von Prüfungsagenturen allzu rasch vergeben. Die Prüfkriterien und Prüfverfahren, die ich kenne, denen traue ich allen nicht. Sie werden meiner Erfahrung allzu unkontrolliert und billig vergeben. Ich würde nicht einmal einem Stempel trauen, den ich selbst vergeben musste, denn je genauer ich mich mit einer Seite beschäftigt habe, desto besser weiß ich über deren tatsächliche oder potentielle Mängel Bescheid.
  31. Einzelne BenutzerInnen mit besonderen Bedürfnissen regen sich über Features auf, die für die eigenen Bedürfnisse nicht relevant erscheinen oder etwa aus Unkenntnis der Funktionalitäten gar als allgemein störend empfunden werden. Solche Features bedürfen natürlich eines alternativen Zugangs für die Bedürfnisse dieser Beschwerdegruppe. Unter Umständen sollte jedoch auch überlegt werden, unzugängliche Features von Relevanz für andere Zielgruppen auch ausdrücklich verständlich zu machen.
  32. Barrierefreies Webdesign bedeutet Liebe zum Detail. Da kann ein Punkt im Seitentitel schon einmal zu einem Diskussionsthema werden.
  33. Allen Agenturen rate ich beim Einsatz von komplexen Komponenten:
    Bietet keine Flugzeuge an, die nur im Trockenen fliegen können.
    Und wenn ihr es schon macht, dann vergewissert euch, dass euer Wissen ausreicht, Flugzeuge regentauglich zu machen.
  34. Die Zehn Gebote reichen für sich genommen nicht als Beichtspiegel für ein Gottgefälliges Leben aus. Sie sind Überschriften für einen Fächer von Anforderungen und Empfehlungen. Und sie referenzieren aufeinander ebenso wie die damit verbundenen Anforderungen und Empfehlungen. Zudem berücksichtigen sie nicht den Kontext, etwa einer Notsituation.
    Ebenso eignen sich die WCAG Richtlinien nicht für eine Checkliste zur Umsetzung der Barrierefreiheit. Sie sind auf einen konkreten Kontext hin zu verknüpfen. So ist eine Überschrift, die semantisch nicht als solche gekennzeichnet ist, mit Assistierenden Technologien nicht bedienbar, weil sie in ihrer Funktionalität nicht verständlich ist.
  35. Ich habe lange gezögert, für Zweiter Blick einen Twitter Account anzulegen. Ich referiere ja nicht gerne da, wo andere ihre Notdurft verrichten. Aber das passiert ohnedies auch im World Wide Web, wo zweiterblick.at zu finden ist.
  36. Ich gewöhne mich daran, digitale Barrierefreiheit teilweise auf den Schultern, teilweise im Rucksack vorhandener Auftritte zu begleiten.
  37. Je knapper und präziser, desto besser. Der dahinter liegenden Aufwand wird selten bemerkt.
  38. Wer nicht barrierefrei ist, befindet sich in bester Gesellschaft. Nicht einmal die behördlichen Rechtsinformationsseiten entsprechen den Anforderungen, die sie ebendort zu Anforderungen an digitale Barrierefreiheit publizieren.
  39. Stellt euch vor, ein Gerichtssaal ist nur über Treppen erreichbar und kein Rollstuhlfahrer regt sich auf!
  40. One philosophy of WCAG is: If everybody gets confused, it’s no discrimination for AT-users getting confused. Usability ist schlichtweg nicht das Thema der WCAG.
  41. User Experience (UX), also gewohnte Anwendungsmöglichkeiten, sind nicht mit Usability, also der Benutzerfreundlichkeit identisch.
    Was geboten wird, ist oft schlechtes Design: Überschriften, die nicht hilfreich sind oder gar fehlen, ….
    Oder knapp und prägnant auf Englisch: UX is not the same as usability. The user experience is too often bad usability.
  42. Artificial Intelligence (AI) erklimmt die höchsten Stufen menschlicher Intelligenz, wenn sie [Wikipedia] Ludwig Wittgensteins Philosophische Übersuchungen versteht und für das digitale Zeitalter geistreich erweitern kann. Davor wäre ich schon höchst erstaunt, wenn durch AI sinnvolle Überschriften für Inhalte generiert werden könnten, natürlich auch mit der angemessenen Überschriftenhierarchie. Ich werde das nicht mehr erleben.
  43. Techniken, die von der WAI als hinreichend dargestellt werden, sind leider nicht automatisch zu empfehlen. Sie sind gelegentlich veraltet oder schlecht gewartet oder berücksichtigen keine Erkenntnisse zur Usability.
    H45: Using longdesc wird mit Stand 2020 trotz bekannter Probleme bei Browser Support und Usability weiterhin auf der Webseite der W3C angeboten.
  44. Was ist eine Evaluation? Ich erarbeite Anatomie, Pathologie und Therapie von digitalen Dokumenten.
  45. Mobile First scheint gleichzeitig Alles auf die Startseite als Konzept zu beinhalten. Umso wichtiger, den Hauptinhalt mit einer Überschriftensemantik zu versehen.
  46. Steh am Morgen auf und knöpfe den ersten Knopf sorgfältig ein. Wenn der erste Knopf schief eingeknöpft ist, erkennst du möglicherweise erst beim letzten Knopf, dass du alles wieder aufknöpfen musst, um zu einem passenden Aussehen zu gelangen.
  47. HTML-Code barrierefrei zu machen bedeutet, HTML-Code zu entrümpeln und lesbarer zu machen. Die geprüfte Entfernung von figure, picture oder header macht den Code vielfach barrierefrei und jedenfalls schlanker.
  48. Wenn man eine Kuh sattelt und einem Blinden sagt, da drüben steht ein Pferd, wird der Blinde einen überraschenden Ritt erleben. Ebenso ergeht es Blinden bei falscher HTML-Semantik oder unangemessenen ARIA-Rollen.
  49. Das Prinzip jeglicher Nutzungsoberfläche ist Assistenz.
  50. Serendipity: Der Zufall begünstigt einen vorbereiteten Geist.
  51. Wenn ein Gleis schon für Suchmaschinen gelegt wurde, sollte es auch von Screen Readern befahren werden. (Beispiel hreflang)
  52. Der erste Schritt bei der Analyse von Anforderungen an Technik und Nutzungsfreundlichkeit ist die Frage nach der Ontologie einer Komponente. Was ist die Bedeutung der Komponente? Ist es ein einfacher Link oder doch ein Schalter? Oder bei komplexen Komponenten: Ist es eine Darstellung von Suchergebnissen, eine dynamische Aktualisierung zentraler Seiteninhalte, ein Inhalt für spezifische Sinneskanäle oder Ähnliches?
  53. Der Ausdruck Bedeutung muss in der Bedeutung als Wesen einer Sache und Anforderung aus einer Sache unterschieden werden. (Ontologie oder Verwendbarkeit, Wesen oder Funktion, …)
  54. Der Webauftritt ist die Bühne der Seele. Einrichtung und Personen offenbaren ihre Einstellung zur Inklusion im Internet durch Inhalt und Technik.

Literarische Aphorismen